Als ich nach acht Stunden ausgezeichneten Schlafes (der Zug sollte laut Fahrplan elf Stunden brauchen), wunderte ich mich zunächst, warum ich eigentlich so gut schlief, stellte aber sofort fest, daß es wohl in erster Linie daran lag, daß der Zug stand. Nach der Morgentoilette und dem Zusammenpacken meiner Sachen (ich war ja bald da!) suchte ich eine Schaffnerin und befragte sie, sie wußte aber mal wieder nichts, auch die anderen Schaffner hatten keinen Schimmer, wann wir ankommen würden. Ich machte mir aber keine Sorgen, ich hatte ja mittlerweile mehr als neun Stunden im Zug verbracht, weit konnte es also nicht mehr sein! Ich setzte mich also auf mein Bett und spielte Gameboy und blätterte im Reiseführer. Bald kam mir der Verdacht, daß es doch noch etwas länger dauern würde, der Zug fuhr nämlich immer nur eine halbe Stunde und stand dann wieder, dann fuhr er mal wieder eine Stunde, stand dann aber wieder zwei. Draußen war alles eingeeist und ich verstand langsam, warum "das Bisschen Schnee" tatsächlich ein Problem sein könnte: Alle Bäume und Büsche waren in einen dicken Eispanzer gehüllt, an der Strecke standen Hütten und Scheunen mit eingestürzten Dächern (aber vielleicht waren die auch schon vorher kaputt ;-) ). Um die Zeit für den geneigten Leser nicht ganz so lang zu machen, wie sie für mich tatsächlich war: Ich verbrachte die Zeit mit Spielen, Lesen, aus dem Fenster gucken, Schlafen und durch den Zug gehen, immer in der Hoffnung, daß wir in einer Stunde sicher ankommen würden. Es kam auch kein Klingelwagen vorbei und am Nachmittag bekam ich dann großen Hunger, da fiel mir dann aber ein, daß ich ja noch eine "Notration" Aldi-Trauben-Nuß im Rucksack hatte, die auch gleich (fast ganz) geschlachtet wurde. Gegen Abend ließ sich der Klingelwagen dann endlich blicken, ich kaufte mir eine warme Mahlzeit, zwei Flaschen Wasser und ein Bier. Zwischendurch bot ich dem kleinen Jungen, der mittlerweile allein im Abteil war mit mir (sein Vater war Schnaps trinken mit den Schaffnern und dem Personal vom Speisewagen), den Rest der Schokolade an. Ich fragte ihn, ob er Schokolade möge, was er bejaht, worauf ich ihm die Tafel vor die Nase legte. Er schaute mich nur unverwandt an und cih sagte ihm, daß ich sie ihm schenke. Als er immer noch nichts tat, öffnete ich die Tafel und drückte ihm ein Stück in die Hand, endlich hatte er verstanden und ließ es sich schmecken. Um 17 Uhr hielten wir dann an einem Bahnhof, der auch auf meiner Karte eingezeichnet war, ich war wirklich zuversichtlich und schrieb den Jungs, daß ich wohl in spätestens zwei Stunden in Guangzhou ankommen würde. Aber kleine Sünden und so...kurz darauf hielt der Zug wieder, diesmal für zwei (gefühlte fünf) Stunden. Und als ich es kaum noch für möglich hielt, noch jemals anzukommen (irgendwann war ich dann auch jenseits von Gut und Böse), fuhr der Zug (es wird wohl so 23:30 gewesen sein) in den Bahnhof von Guangzhou. Guangzhou war einer der Hauptbrennpunkte der "Schneekatastrophe", als wichtiger Verteilerbahnhof von und nach Süden kamen dort viele Leute an und je mehr Züge ausfielen, desto voller und chaotischer wurde es dort, wie ihr bestimmt alle in den deutschen Nachrichten gesehen habt. Fabian hatte zwischendurch geschrieben, daß wohl 200.000 Leute in Guangzhou auf ihre Weiterfahrt warteten, ich war also auf das Schlimmste vorbereitet. Das Bild, daß sich außerhalb des Bahnhofes bot, versetzte mich trotzdem in bares Erstaunen: So viele Menschen auf einem Haufen habe ich überhaupt noch nie gesehen. Von den 200.000 Leuten waren gut 20.000 bis 50.000 Soldaten und Polizisten, es standen Sanitätszelte, Planungscontainer und LKW mit der Aufschrift "Emergency Communications" herum. Der riesige Bahnhofsvorplatz und die umliegenden Straßen (der Bahnhof war weiträumig gesperrt, weswegen ich auch eine halbe Stunde gehen mußte, bis ich überhaupt mal ein Taxi sah!) waren mit Zäunen unterteilt, in denen Leute dichtgedrängt standen, lagen, hockten. Ich kam nicht umhin, an Schlachtvieh zu denken. Zwischendrin waren ganze Kompanien von Soldaten, die aneinandergelehnt schliefen, andernorts standen Soldaten dreireihig vor den einströmenden Menschen. Vor lauter Erstaunen (und wohl auch aus Angst, eine auf den Deckel zu kriegen von den Offiziellen) machte ich kein Foto, das ihr euch angucken könntet. Ich hatte aber einen Logenplatz, die Aussteigenden wurden nämlich über Fußgängerbrücken von dem Gelände geleitet. Nach einem kurzen Stopp im Supermarkt suchte ich dann ein Taxi, die ersten die ich fand sagten aber alle, daß sie in die Straße nicht reinfahren könnten, leider verstand ich nicht, warum. Nach einiger Zeit kam dann eine junge Dame und bot ihre Hilfe an, die ich dankend annahm. Sie erklärte mir dann, daß die Straße, in die ich wolle, eine Fußgängerzone sei. Nachdem sie dem Taxifahrer erklärt hatte, mich doch bitte in die Nähe zu bringen fragte sie noch, ob sie mitfahren könne, sie brauche auch dringend ein Taxi. Auf der Fahrt stellte sich dann heraus, daß sie eine Freundin im Krankenhaus besuchen wolle, die mit ihrem Freund am Bahnhof versucht hatten, einen Zug zu bekommen. Beim Versuch, noch in letzten Moment auf den Zug aufzuspringen und wohl auch im Zusammenhang mit einer Massenpanik wurde dabei die Freundin schwer verletzt und der Freund getötet. Was soll man da sagen, außer:"Tja, da sind wir ja schon...ich muß dann mal!" Nach einigem Umherirren fand ich dann auch das Hotel, in dem mich die Jungs mit Fotoapparaten und kühlem bier empfingen, wir machten aber nicht mehr lang, es war ja schon gegen ein Uhr. Am nächsten Morgen ging ich dann mit Gero (Fabian und Daniel wollten in den Zoo) in den Yuexiu-Park. Dort war auch schon alles herrlich dekoriert in allen Varianten, wieder Skulpturen aus bespanntem Draht, Blumenskulpturen und auch Skulpturen aus Geschirr (voll cool, siehe Fotos). Das Wetter war angenehm aber nicht wirklich gut, warm aber mit kurzen Schauern. Der Park war sehr schön, alles schon tropisch anmutend und in sattem grün. Im Park beguckten wir als erstes die Skulptur der fünf Ziegenböcke, die an die Gründungslegende von Guangzhou erinnert (fünf Unsterbliche kommen angeritten auf fünf Ziegenböcken, planzen fünf magische Reispflanzen, voila, eine Stadt!) und das Sun Yatsen Monument. Nach einem Kaffe im Park wollten wir auf den Qingping-Markt, der für seine Kuriositäten bekannt ist, nachdem wir an der Insel Shamian (früher Wohngebiet der Franzosen und Engländer) vorbeigegangen waren, befanden wir uns auf dem Markt, viel kurioser als Skorpione zu tausenden in Plastikwannen und säckeweise Schildkröten wurde es aber (leider) nicht. An die Skorpione traute ich mich auch nicht ran, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, auch ein paar abgefahrene Sachen zu essen. Nach einem Gang durch die (völlig überfüllte) Fußgängerzone, in der ich mir eine Brille kaufte (nicht, weil ich sie brauche!), kamen wir wieder am Perlfluß an, den wir entlang gingen, auf der anderen Uferseite noch einen Tempel besichtigten und uns dann mit Fabian und Daniel zu unserer Abend-Buffett-Flußkreuzfahrt trafen. Als wir ankamen wurde uns eröffnet, daß das Schiff erst eine Stunde später ablegen würde, wir warteten also und waren dann die ersten auf dem Schiff und am Buffet. Die Fahr war ganz nett, vom Boot aus konnte man doch die beleuchtete Stadt (ja, den Kraftwerken geht wegen Wintereinbruchs die Kohle aus...) etwas besser sehen (siehe Fotos). Nachdem wir satt waren und das Boot angelegt hatte, machten wir uns kurz frisch im Hotel und gingen dann in die Disco, in der ich mir mal ordentlich einen einbaute :-)) . Der Tag darauf war auch schon der Abreisetag und ich bedauerte es direkt, daß mir die zwei Tage (einer extra in Wuhan, einer extra im Zug) fehlten. Wir checkten aus und fuhren zum Bahnhof und zum Highspeed-Train nach Hongkong, der um die Mittagszeit abfuhr. Die Fahrt dauerte nicht lang, nicht einmal zwei Stunden, davon eine allein nur durch Hongkong. Während dieser Zeit drückten wir uns schon die Nasen an den Fenstern platt (endlich hatten wir den supernervigen Businessman vergessen, der mit superlautem Handy hantierte!) und freuten uns schon sehr darauf, endlich im berühmten Hongkong zu sein!
Freitag, 22. Februar 2008
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